(Als Kommentar im Juni 2018 erschienen)

Ich war dabei – und zum ersten Mal überhaupt Teilnehmer einer CM. Entsprechend gespannt war ich, was mich erwarten würde. Dass es sich von Anfang an so gut angefühlt hat und ich jede einzelne Minute einfach nur genossen habe, kommt mir rückblickend wie eine Offenbarung vor, die mich so sehr beeindruckt hat, dass ich eine Woche später gleich auch noch bei der CM Neuss dabei war.

Wer selbst jemals bei einer CM mitgefahren ist, dem brauche ich meine Begeisterung nicht zu erklären. Aber für alle anderen, die hier nach Informationen suchen, wie ich es zuvor getan habe, und die – ebenfalls wie ich – hier vielleicht noch auf den letzten Kick an Motivation hoffen, sich endlich auch einmal selbst zum Teil einer CM zu machen – für euch schreibe ich gerne meine ganz persönliche, erfahrungsbasierte Sicht auf die CM auf.

Um zu verstehen, was die CM ist, hilft es ungemein, sich zu verdeutlichen, was die CM alles definitiv nicht ist.

Die CM keine Demo. Tatsächlich ist sie nichts weniger als das; denn die CM wird nicht veranstaltet, hat demzufolge auch keinen Veranstalter, der verpflichtet wäre, sie spätestens 48 Stunden vorher anzumelden und ihre Route mitzuteilen. Wichtiger als diese juristischen Feinheiten ist aber, dass sich die CM noch nicht einmal wie eine Demo anfühlt. Die CM transportiert keine unmittelbare Botschaft, insbesondere keine politische. Jede Agitation ist der CM völlig fremd. Es gibt keine Transparente und keine Sprechchöre. Das wiederholte Umkreisen des Fahrradbarometers in Düsseldorf oder die mehrfache Durchfahrt durch den Kreisverkehr am Benno-Nussbaum-Platz in Neuss hatte rein gar nicht von einer Demo, sondern mutete eher wie ein indigenes Tanzritual um einen Totempfahl an oder ginge für weniger freundlich eingestellte Beobachter problemlos als infantiler Ringeltanz ohne Zweck und Ziel durch. Ein gelegentliches, kollektiv ertönendes Fahrradklingeln warnt andere Verkehrsteilnehmer oder ist als freundliche Grußerwiderung an winkende Passanten am Straßenrand gemeint. Mehr Geräuschentwicklung ist nicht, wenn ich mal von den überaus angenehm stimulierenden Rhythmen der Soundräder absehe, die bei aller Gemächlichkeit der physischen Bewegung für beschwingte Laune sorgen und das zyklische Pedaltreten so richtig rund machen helfen.

Die CM ist auch kein Flashmob. Formal ist sie es nicht, weil es ihr wiederum an einer zentralen Steuerung von Ort, Zeit und Aktionsform fehlt. Auch das Momentum der – bei einem Flashmob allerdings nur scheinbaren! – Spontaneität hat bei einem Flashmob noch größere definitorische Bedeutung als bei der CM, wo sich die Aktion dafür wiederum tatsächlich spontan entwickelt. Indes – wie ein Flashmob fühlt sich die CM ebenfalls nicht an. Der vergleichsweise schlichte Gegenstand zeitgleichen Tuns von Teilnehmenden an der CM dürfte kaum an das Spektakel für Zuschauer heranreichen, mit dem man fast schon definitionsgemäß rechnet, wenn man eines sich vor seinen Augen leibhaftig entfaltenden Flashmobs gewahr wird.

Die CM ist keine Provokation. Bei der CM geht es gerade nicht um vordergründige Außenwirkung auf an der CM nicht Beteiligte. Wer sich von der CM provoziert fühlt, gehört bestenfalls zur Tuningszene und ist daher ohnehin von allem genervt, was nicht beim ersten Aufröhren der Abgasanlagenendrohre eilfertig Platz auf der Straße gemacht hat, im Übrigen wohl zur leider überall vorzufindenden Fraktion der Miesepeter und Griesgrame, denen jeder Spaß am eigenen Leben so gründlich vergangen ist, dass sie ihn auch nicht einmal mehr anderen zu gönnen vermögen. Beide Gruppen sind bei der CM übrigens nicht nur eine kleine Minderheit, sondern eine absolute Randerscheinung.

Die CM ist auch keine den sofortigen Untergang des Abendlandes herbeiführende Ordnungslosigkeit. Das glatte Gegenteil ist der Fall! Ich habe noch nie innerhalb so kurzer Zeit eine so große Anzahl von Radfahrern erlebt, die sich in geradezu beamtig vorschriftsgemäßer Weise im öffentlichen Straßenraum bewegt haben und damit jeden Bericht über aggressive Kampfradler als boulevardeskes Zerrbild haarsträubender YouTube-Videos Londoner Fixie-Radler entlarvten. Vielleicht ist es gerade dieser akkurate Fahrstil, der auch die allermeisten anderen Verkehrsteilnehmer dazu nötigt, sich waghalsiger Überholmanöver oder auch nur empörter Hupkonzerte zu enthalten. Tatsächlich ist gerade Hupen nur ganz selten zu vernehmen und stammt dann meistens von Autofahrern, die die eigentliche CM gar nicht sehen (können) und sich nur über die scheinbar grundlos langsam vor ihnen fahrenden Autos ärgern.

Die CM ist keine Behinderung des Straßenverkehrs – sie ist Straßenverkehr! Ihre Auswirkungen auf die übrigen Verkehrsteilnehmer sind deutlich geringer als ich selbst vermutet hatte. Das liegt daran, dass der innerstädtische Freitagabendverkehr im Zeitraum der CM das Gröbste bereits längst hinter sich hat. Außerdem meidet die CM die bedeutenden Verkehrsachsen der Stadt zwar keineswegs, verzichtet aber immerhin darauf, sie mutwillig ausdauernd zu befahren. Stattdessen biegt sie ebenso häufig davon wieder ab, wie sie bei nächster Gelegenheit wieder auf sie einbiegt, wenn es die zufällige Streckenführung gerade nahelegt. Im Ergebnis beschränkt sich die Verlangsamung des übrigen Verkehrs im Regelfall auf einige wenige Minuten des Hinterherfahrens im Schlepptau einer CM, bis sie halt wieder nach links oder rechts abbiegt, und vielleicht auf eine zusätzliche Ampelphase des Wartens für den kreuzenden Querverkehr. Diese wirklich nur geringen Wirkungen der CM auf den übrigen Verkehr dürften erheblich dazu beitragen, dass die allermeisten Verkehrsteilnehmer, die von der CM tatsächlich unmittelbar betroffen sind, sich bereitwillig in Geduld üben und die CM ohne großes Trara als das begreifen, was sie ist – eine nicht nur legale, sondern in jeder Hinsicht legitime Form des Straßenverkehrs.

Was ist die CM also?

Formal ist die CM ist ein geschlossener Verband im Sinne von § 27 Abs. 1 Straßenverkehrsordnung.

Für Passanten ist die CM ein Aufsehen erregendes Spektakel, das manche ihre Smartphones für ein schnelles Beweisfoto in ihren sozialen Netzwerken zücken lässt, während andere wiederum mit offenen Mündern ihren Schritt verlangsamen und sichtlich um Fassung ringen, dass da viele Dutzend Radfahrende in geschlossener Formation mitten auf der Kö an ihnen vorbeiziehen, noch bevor die diesjährige Tour de France überhaupt gestartet ist. Den allermeisten Passanten allerdings zaubert der Anblick der CM ein unwillkürliches und nicht zu unterdrückendes Lächeln ins Gesicht, das mindestens große Sympatie und manchmal sogar den wehmütigen Wunsch auszudrücken scheint, derlei Freiheit der Fortbewegung auf zwei Rädern mitten in der Stadt viel häufiger und idealerweise auch persönlich zu erleben.

Ähnlich reagieren die allermeisten Verkehrsteilnehmer auf der Gegenfahrbahn, vor allem die Beifahrenden, während die Personen am Volant zumeist ihre Konzentration sichtlich erhöhen, um jedes auch nur ansatzweise Entstehen einer kritischen Verkehrssituation zu vermeiden.

Am natürlichsten reagieren Kinder auf den Anblick der CM. Sie winken fröhlich und freuen sich unbändig, wenn die CM dies mit einem polyphonen Klingelkonzert dankbar quittiert.

Für Ordnungshüter ist die CM in Düsseldorf kein Thema. Ich weiß nicht, ob das schon immer so war (die Polizei in Neuss, der das Phänomen CM noch vergleichsweise neu zu sein scheint, ist immerhin so umsichtig, die CM nach hinten durch zwei Fahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht abzusichern), aber ihre Abwesenheit tut weder der Durchführung der CM noch dem Spaß dabei, aber auch nicht ihrer Sicherheit ernsthaft Abbruch.

Für die Stadtverwaltung ist die CM ein Beispiel für nachhaltige Initiativen und Angebote in der Stadt und es damit wert, ganz offiziell unter duesseldorf.de darauf hinzuweisen

Und für die Teilnehmenden?

Dazu muss man wissen, dass, so sehr die CM in ihrer Erscheinung auf Außenstehende als homogener Verband mehrerer Dutzend Radlerinnen und Radler wirken muss, sie von innen – also aus Teilnehmersicht – betrachtet überaus heterogen zusammengesetzt ist. Das mag auf den ersten Blick angesichts ihrer jeweils zufälligen Entstehung nicht weiter verwundern, ist aber bei näherer Betrachtung mehr als bemerkenswert, wie ich finde. Denn tatsächlich könnte es in der CM kaum bunter zugehen. Praktisch alle Altersgruppen vom Schüler bis zum Rentner sind vertreten. Passionierte Vielradler mit einer Anreisedistanz, die den eigentlichen CM-Verlauf kilometermäßig deutlich übersteigt, cruisen Rad an Rad neben eher selten das Lenkrad gegen den Fahrradsattel tauschenden Gelegenheitsradlern. Stabile Lastenräder rollen neben filigranen Rennmaschinen, gemütliche Hollandräder neben pfiffigen Klappkonstruktionen, neonfarbene Mountain Bikes neben radreisetauglichen Trekkingbikes. Es herrscht eine ungemein entspannende Atmosphäre völliger Zwanglosigkeit. Kurze unverbindliche Gespräche mit wildfremden Mitfahrenden, bevorzugt zum Thema Fahrrad und Radfahren oder auch zur Musikauswahl der Soundräder, entstehen an einer Ampel und gehen ebenso unverbindlich nach dem Anfahren wieder zu Ende oder werden für einige Kilometer vertieft. Die CM führt Menschen zusammen, die sich unter anderen Umständen vermutlich nicht viel zu sagen hätten, ja, sich vielleicht mit Vorbehalten und Vorurteilen hinsichtlich Alter, Aussehen, Einstellungen und Ansichten begegnen würden. Die CM beseitigt diese Unterschiede zwischen den Teilnehmenden nicht, aber sie rückt das übergreifende, gemeinsame Interesse in den Vordergrund und stutzt gleichsam alle anderen Unterschiede auf das zurück, das ihnen am ehesten zukommen sollte: auf Anknüpfungspunkte, um miteinander ins Gespräch, in Kontakt und in gegenseitiges Verständnis, mindestens aber zu gegenseitiger Toleranz zu kommen. Was für ein wahrlich wunderbarer Nebeneffekt der CM!

Da prinzipiell jeder für sich fährt und der einzige formale Rahmen für alle der „geschlossene Verband“ des § 27 StVO ist, gibt es weder eine Hierarchie noch auch nur den Hauch eines Versuchs, Derartiges zu etablieren. Niemand ist zu irgendetwas verpflichtet oder muss sich auch nur so fühlen. Man kann jederzeit zu einer CM hinzustoßen und sie ebenfalls jederzeit auch wieder verlassen und beides passiert auch tatsächlich, wenngleich sich der volle Spaß natürlich nur dann einstellt, wenn man von Anfang bis Ende dabei ist. Das einzige, worauf wirklich alle achten, ist die ständige Geschlossenheit der CM. Entstehende Lücken werden schon im Keim wieder zugefahren. Wechselnde Teilnehmende, die sich aus freien Stücken darum kümmern, sorgen an Einmündungen und Kreuzungen durch „corken“ des Quer- und Gegenverkehrs für erhöhte Sicherheit der CM.

Die kritische Anmerkungen bleiben überschaubar:

Da ist zum einen die Teilnehmerzahl: 80 in Düsseldorf, 45 in Neuss, an beiden Orten auch nur durch Verstärkung aus Nachbarstädten erzielt – das ist alles andere als rekordverdächtig! Gut, in Düsseldorf war zeitgleich Fußball im TV und in Neuss findet sich die CM derzeit anscheinend noch. Und dennoch: Für den mit dem Fahrrad problemlos zu erschließenden Großraum Düsseldorf/Neuss mit insgesamt mehr als 750.000 Einwohnern sind zweistellige Teilnehmerzahlen ein ziemlich kümmerlicher Wert. Das ist wirklich schade und legt ein bislang noch nicht erschlossenes Potenzial offen, das hoffentlich irgendwann tatsächlich konkrete Teilnehmergestalt annimmt.

Zum anderen ist die Begleitkommunikation noch weiter steigerungsfähig. Sicher, es gibt diesen Blog, ein Twitteraccount (@CritcalMass0211) ist auch eingerichtet und nicht zuletzt gibt es auch eine Facebookseite. Aber, Freunde: Als passionierter Facebookablehner bleiben mir nur der eher selten zwitschernde Twitteraccount und – zum Glück – dieser Blog. Mir ist klar, dass es eine organisierte CM-Kommunikation gar nicht geben kann, weil es bei der CM ja gerade an einer zentralen Instanz fehlt. Unterm Strich bleibt aber die Erkenntnis, dass die CM derzeit immer noch eine reine Insiderveranstaltung ist. Die Chancen, von der CM zufällig zu erfahren, sind eher gering. Demjenigen, der sich nicht – übrigens vergleichsweise intensiv – auf die Suche nach ihr begibt, bleibt sie dauerhaft ein unbekanntes Geheimnis.

Trotzdem: Für mich war meine erste CM der reinste Spaß und ein so unerwartet herrlich entspannender Abend, wie ein Wochenende kaum besser beginnen könnte. Und die Wiederholung dieser Erfahrung eine Woche später in Neuss lässt mich darauf schließen, dass ich damit tatsächlich den Kern der CM-Erfahrung erfasst habe. Ich freue mich auf den nächsten Termin, ach, was sage ich, ich kann ihn ehrlich gesagt eigentlich kaum erwarten :-)